VYŠEHRAD - der Fels über dem Fluss mit der dunklen Silhouette schlanker Türme – ist aus der Prager Landschaft nicht wegzudenken. Die Geschichte dieses geheimnisvollen Orts ist mit den Sagen aus alten Chroniken verknüpft, welche Alois Jirasek literarisch unter dem Titel „Alte böhmische Sagen“ bearbeitete. Sie erzählen von Fürstin Libuše, wie sie von ihrem Sitz auf dem Vyšehrad aus den künftigen Ruhm Prags weissagte und solcherart dem Gründer der Herrscherdynastie Přemysl eine Botschaft sandte, vom wackeren Bivoj, vom sagenhaften Pferd Šemík und seinem Sprung vom Vyšehrader Felsen oder vom Mädchenkrieg. Die Vyšehrader Sagen erläutern und feiern die Entstehung und Anfänge des Přemysliden-Staates, erhoben dieses Gebiet zu einer der denkwürdigsten Ort des tschechischen Volkes. Ganz gewiss aber war dieser Ort schon besiedelt, bevor die Slawen (Tschechen) auf unser Gebiet vordrangen. Spuren der prähistorischen Besiedelung reichen bis weit vor den Beginn unserer Zeitrechnung. Die Anwesenheit der Slawen auf dem Vyšehrad läßt sich mit Hilfe archäologischer Funde erst ab der 1. Hälfte des 10. Jh. belegen.
Der Vyšehrad entstand als befestigte Burgstätte irgendwann im 10. Jh. Die in der hiesigen Münze Mitte des 10. Jh. geprägten Přemyslover Dinare Boleslav II. sind erster unstrittiger Beleg über die Existenz der Vyšehrader Burgstätte.
Die Regierungszeit Vratislav II. (1061 – 1092) öffnete ein neues Kapitel in der Geschichte des Vyšehrad. Dieser Fürst, der 1085 zum böhmischen und polnischen König ernannt wurde, wählte gerade den Vyšehrad als seine Residenz, verstärkte seine Befestigung und ließ einen den Bestrebungen der böhmischen Herrscher entsprechenden gemauerten Palast errichten. Er gründete um das Jahr 1070 ein neues Gotteshaus, die St. Lorenz Basilika, die wohl älteste romanische Rotunde des Hl. Martin und das Vyšehrader Kapitel. Das Kapitel wurde aus der Zuständigkeit des Prager Bischofs herausgenommen und dem Papst direkt unterstellt. Das Vyšehrader Kapitel spielte in der Geschichte des Vyšehrad eine wichtige Rolle, erfreute sich großer Aufmerksamkeit der böhmischen Herrscher und erlangte eine Reihe politischer sowie wirtschaftlicher Privilegien.
Der Nachfolger Vratislavs II. – Soběslav II. (1125 – 1140) sorgte für die künstlerische Ausgestaltung der Kirchen und das gesellschaftliche Prestige des Vyšehrad. Die Krönung Vladislavs im Jahre 1140 beendete den Vorrang dieses Sitzes vor der Prager Burg.
Erst Karl IV. stärkte wieder die Bedeutung des Vyšehrad. Als Zeichen der Ehrerbietung vor dem Urahnen der Dynastie, von dem er mütterlicherseits abstammte, begann hier laut Krönungsordnung der Zug des neuen Herrschers. Er ließ den Vyšehrad zu einer steinernen Festung umbauen, schloss ihn an die Stadtmauer der Prager Neustadt an, erbaute den gotischen Königspalast, die Kapitelkirche, das Špička /Spitze/ genannte gewaltige Tor. Der gesamte Königsbezirk wurde aber während der Hussitenkriege zerstört. Ab Mitte des 17. Jh. verwandelte der Vyšehrad sich in eine barocke Festung mit Militärgarnison und blieb bis 1911 in der Hand des Militärs. Danach wurde er der Stadt übergeben und ist in praktisch unveränderter Form (bis auf das niedergebrannte Zeughaus im Bereich des Parks mit den Skulpturen von Myslbek) bis zur heutigen Zeit erhalten geblieben.
Um das heutige Aussehen des Vyšehrad machten sich Mitte des 19. Jh. in erheblichem Maße die national orientierten Pröpste Václav Šulc und Mikuláš Karlach verdient: die St. Peter und Paul Kirche wurde im neugotischen Stil nach einem Entwurf von J. Mocker und F. Mikš umgebaut, wobei der Grundriss des gotischen Baus Karl IV. respektiert wurde. Damals wurde auch der Gedanke geboren, auf dem Vyšehrad an der Stelle des Pfarrfriedhofes eine nationale Begräbnisstätte anzulegen. Der Bau des Pantheons dauerte viele Jahre. Der heutige Friedhof bildet ein besonderes künstlerisches Ganzes, das sich harmonisch in die Lokalität einpaßt. Gleichzeitig stellt er eine einmalige Galerie von Friedhofsplastiken dar und ist Ausdruck der künstlerischen Entwicklung der tschechischen Kultur ab Mitte des 19. Jh. bis zur Gegenwart. Ihre letzte Ruhestätte fanden hier fast 600 Persönlichkeiten aus Kultur und Bildung.
M. H.